Die Hauptursache für Übergewicht (2/2)

nachdem ich in Teil 1 die Behauptung aufgestellt habe, dass weder fehlender Sport noch Kalorienzählen der Grund für Übergewicht sind, soll es heute darum gehen, die theoretische Ausführung mit Beispielen und untermauern.

Noch einmal zur Erinnerung: das Körpergewicht wird maßgeblich von den Hormonen beeinflusst. Als Beispiel habe ich im letzten Beitrag die Pubertät und das Doping im Kraftsport genannt. (Kleiner Gedankenanstoß: Diese Athleten führen sich Hormone und keine Kalorien zu.) Abseits von den Sexualhormonen haben wir das Hormon Insulin als Übeltäter bei der Gewichtskontrolle identifiziert, weil es ein wichtiges anaboles Hormon ist.

Das hormonelle Ungleichgewicht

Daraufhin haben wir geschlussfolgert, dass Übergewicht ein hormonelles Ungleichgewicht darstellt und nur bedingt etwas mit der Kalorienbilanz zutun hat. Gleichzeitig haben wir aber auch festgestellt, dass Insulin maßgeblich von der Ernährung beeinflusst wird. Somit gehen Kalorien und Insulinspiegel oft einander einher. Aber eben nicht immer. Man muss also verstehen, dass die Hormone im Mittelpunkt stehen und nicht die Kalorien, insbesondere das hormonelle Ungleichgewicht.

Folgen hoher Insulinspiegel

Denn bei Übergewicht übersteigt der Anteil der Hormone, die für die Speicherung verantwortlich sind, also vor allem Insulin, den Anteil derer, die für den Verbrauch zuständig sind. Beispielsweise wird der Gegenspieler von Insulin, das Glukagon unterdrückt, das normalerweise die gespeicherte Energie (Glukose) aus den Glykogenspeichern der Leber und der Muskeln ziehen würde. Genauso wird eine Hormon (HSL), das normalerweise Energie aus dem Fett zieht, unterdrückt. Wichtig hierbei zu verstehen ist also, dass Fettspeicherung von Hormonen gesteuert wird und die Kalorien nur der mittelbare Grund sind.

Wenn der Körper aber nicht optimal auf seine eigenen Energiereserven (Fett) zurückgreifen kann, dann ist er auf externe Energie (Essen) angewiesen. Als Folge dessen lässt sich beobachten, dass Menschen den ganzen Tag über am Essen Sinn, obwohl (oder weil) sie genüg Energie in Form von Fett gespeichert hätten. Aber der Körper kann diese Energie eben nicht anzapfen. Stattdessen denkt er, er leide an Energiemangel und motiviert eben dazu zu essen. Viele sprechen dann vom „Unterzucker“. Mit der richtigen Ernährung, die am Insulin orientiert ist, könnte man dem sehr einfach verbeugen, aber dazu in einem späteren Beitrag mehr.

Insulin als Bauleiter

Wie das Machtverhältnis zwischen Kalorien und Hormonen ist, lässt sich stark vereinfacht anhand einer Baustelle erklären. Dabei entsprechen die Hormone den Bauleiter und die Kalorien den Baustoffen. Gibt der Bauleiter den Auftrag ein Haus zu bauen, dienen die Baustoffe dazu das zu realisieren. Die Baustoffe sind jedoch ohne Bauarbeiter nicht im Stande ein Haus zu bauen.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Kalorien und den Hormonen. Wenn die hormonellen Bedingungen geschaffen sind, die Insulinspiegel also hoch sind, werden Kalorien eingespeichert. Kalorien werden jedoch nicht eingespeichert, wenn die hormonellen Bedingungen nicht vorliegen. Das erkennt man übrigens auch an der Krankheit Diabetes Typ 1. Die betroffenen können so viele Kalorien essen wie sie möchte, ohne Insulin werden sie dennoch verhungern.

In der Realität ist es deutlich komplexer und der Vergleich hinkt an einigen Stellen. Aber das Machtverhältnis sollte nun grob verstanden sein. Der unmittelbare also direkte, Grund für Übergewicht und Fettansammlung ist das Insulin. Der mittelbare oder indirekte Grund die Kalorien.

Durch die Verknüpfung beider Bereiche lässt sich auch erklären, warum wir denken Kalorien wären entscheidend beim Abnehmen. Nehmen wir Kuchen als Beispiel. Ein Stück Kuchen hat viele Kalorien. Essen wir viel Kuchen nehmen wir erfahrungsgemäß zu. Demnach schlussfolgern wir, dass Kalorien dick machen.

Tausch der Kalorien- mit der Insulinbrille

Betrachten wir Kuchen jedoch aus der Insulinperspektive, so stellen wir fest, dass er wie dafür gemacht ist, den Insulinspiegel in die Höhe zu treiben. Demnach lautet unsere Schlussfolgerung: Kuchen provoziert einen hohen Insulinausstoß. Je mehr Kuchen ich esse, desto höher der Ausstoß. Insulin macht dick. Kuchen macht dick. Das Ergebnis ist also dasselbe. Der Grund ist aber ein anderer.

Würde man das gleiche Experiment mit Nüssen machen, würde man mit der Kalorienbrille ein anderes Ergebnis bekommen als mit der Insulinbrille. Betrachtet man die Kalorien so unterscheiden sich Nüsse kaum von Kuchen. Betrachtet man jedoch den Insulinausstoß so unterscheiden sich die beiden enorm. Kuchen hat einen sehr hohen Insulinausstoß, während Nüsse nur einen geringen Ausstoß aufweisen.

Unsere Schlussfolgerung (als Insulinbefürworter) wäre also, dass Kuchen dick macht, während Nüsse das nicht tun. Und tatsächlich gibt es keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Gewichtszunahme und den Konsum von Nüssen feststellen kann. Komisch oder? Finde ich auch. Wenn Du gespannt bist, warum Kuchen einen hohen Insulinausstoß hervorruft und Nüsse nicht, kannst Du dich auf den Beitrag freuen, in dem ich erkläre, welche Lebensmittel zu hohen Insulinspiegeln führen.

Zusammengefasst merke Dir also, zumindest, wenn Du meiner Meinung sein willst, dass es nicht allein entscheidend ist, wie viele Kalorien wir am Tag aufnehmen, sondern wie hoch unser Insulinspiegel ist. Insulin ist die eigentliche Ursache für Übergewicht, weil es die Grundlage für die Fetteinspeicherung schafft.

Studienbezug

Um den theoretischen Ausführungen mehr Gewichtung zu geben, wird nun eine der Studien angeführt, die das deutlich machen. Das oberste Kriterium für die Auswahl der Studie, ist auch hier, dass es ein Phänomen beschreibt, das in der Realität ersichtlich ist.

Es geht um Patienten, die an Diabetes Typ 2 erkrankt sind, die erfahrungsgemäß nach ihrer Diagnose an Gewicht zulegen. Sie stammt aus dem Jahr 1993. Den Patienten wurde, wie üblich, Insulin verabreicht. Obwohl sich deren tägliche Kalorienaufnahme, um 300kcal verringerte, erhöhte sich ihr Körpergewicht um Durchschnittlich 8,7kg, wie man in Tabelle 2 erkennen kann [1] Das bedeutet, die Patienten haben weniger gegessen und haben dennoch zugenommen, nachdem Insulin verabreicht wurde. Das ist mit dem Kalorienmodel nicht erklärbar und könnte uns zeigen, dass Insulin tatsächlich der eigentliche Grund für Übergewicht ist.

Gewichtszunahme bei Diabetiker Typ II
Parameter Monate der Insulinbehandlung
0 1 3 6
Gesamt Insulindosis 86 ± 13 92 ± 16 100 ± 24
Körpergewicht (in kg) 93,5 ± 5,8 97,2 ± 5,9 100,5 ± 6,5 102,2 ± 6,8
Körpergewichtszunahme 3,7 ± 1,0 7,0 ± 1,5 8,7 ± 1,9
Kalorienzunahme 2023 ± 138 1937 ± 122 1918 ± 121 1711 ± 119

Ob Medikamente oder Injektion- Insulin führt zu Übergewicht

Abseits der Studie ist es auch interessant zu sehen, dass es keine Rolle spielt, wodurch hohe Insulinspiegel entstehen. Sei es durch Medikamente oder seltenen Krankheiten. Es herrscht immer eine direkte Verbindung zwischen Insulinmenge und Gewichtszunahme, was die in den 1970er Jahren durchgeführte United Kingdom Prospective Diabetes Study Group zeigt. Dabei wurden Diabetes Typ 2 Patienten in zwei Gruppen eingeteilt, wobei die eine Gruppe Insulininjektionen bekam und der anderen das Medikament Sulfonylurea verabreicht wurde.[2]

Während beide Behandlungen Insulin erhöhen, ist der Effekt auf die Blutserumspiegel bei den Injektionen höher. Obwohl man eigentlich die Effekte auf den Blutzuckerspiegel untersuchen wollte, war eines der Ergebnisse, dass beide Gruppen an Gewicht zugenommen haben. Die Gruppe mit den Injektionen (noch höhere Insulinmenge) jedoch noch mehr zugenommen hat als die Gruppe mit dem Sulfonylurea, nämlich 3,1kg gegenüber 4kg.

[1] Vgl. Fung, 2016 S.79f.

[2] Vgl. Fung, 2016 S.81

Insulin- nicht die fehlende Willenskraft ist der Grund für Übergewicht

Bei dieser Betrachtung wird auch immer klarer, dass Übergewichtige nicht so beleibt sind, weil es ihnen an Willenskraft mangelt, sondern, dass sie ein ungünstiges Hormonumfeld geschaffen haben, das selbst die größten Anstrengungen verpuffen lässt. Im ersten Moment klingen diese Studien plausibel. Zudem konnte ich auch keine fehlerhafte Durchführung feststellen. Trotzdem geht es Dir wahrscheinlich wie mir.

Ich habe mir am Anfang sehr schwer getan, die Kalorienbrille abzusetzen und mich von der Kalorienüberzeugung zu lösen. Schließlich war ich selbst starker Befürworter des Kalorienkonzepts und habe in jeder Diät fleißig meine Kalorien gezählt. Mit Erfolg. Ich konnte immer mein Diätziel eines Körperfettanteils von unter 10% erreichen und einen hohen Muskelanteil behalten. Wenn das nicht der Beweis dafür ist, dass die Kalorienbilanz der Schlüssel zum Abnehmerfolg ist?

Betrachte ich jedoch rückwirkend, wie ich mich ernährt habe, so war das Kalorienzählen mehr ein Mittel zum Zweck, verbunden mit enormen Einbußen der Lebensqualität. Denn das Kalorienzählen hat indirekt dazu geführt, dass mein Insulinausstoß gering war.

Insulin- der effizienteste Hebel gegen Übergewicht

Zudem war das Kalorienzählen mit unverhältnismäßig hohem Aufwand verbunden. Jeden Tag Kraftsport und Cardiotraining und am Abend wünscht man sich, dass der nächste Tag beginnt, damit man wieder neue Kalorien „offen“ hat. Was das mit der Lebensqualität macht, kannst Du dir denken. Mit Freunden Feiern gehen und Alkohol trinken? Ja das geht schon, aber nur wenn gerade ein „Cheat-day“ ist, an dem man sich alles erlaubt und wie ein Irrer alles Süße in sich hineinstopft, weil man genau weiß, dass man die nächsten Tage wieder rigoros darauf verzichten muss.

Sich von der Kalorienüberzeugung lösen

Wenn ich heute zurückblicke, wie ich mich damals verhalten habe, schäme ich mich so verschwenderisch mit meiner Lebenszeit umgegangen zu sein. Falls Du bereits ähnliche Erfahrungen mit Diäten gemacht hast, lege ich Dir unbedingt ans Herz, dass Du dich auch vom über die Jahre fest etablierten Paradigma löst, dass ein Ungleichgewicht zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch die unmittelbare Ursache für Übergewicht ist.

Wenn Du derselbe Kritiker bist wie ich, dann kannst Du dich auf die nächsten Beiträge freuen. Dort werde ich Stück für Stück die Kalorienüberzeugung ins Wanken bringen. Es werden Phänomene behandelt, die uns allen bekannt sind. Dabei geht es das das aufgebaute Kalorienkonstrukt endgültig zu begraben. Bei mir war es damals jedenfalls so! Du kannst dich also freuen.

Viel Spaß, einen schönen 3. Advent und viel Freude beim Plätzchenessen!

Dein Alexander

Quellen

Fung, J. (2016). The Obesity Code (1.Aufl.). Vancouver, Kanada: Greystone Books Ltd.

 

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1 Kommentar zu „Die Hauptursache für Übergewicht (2/2)“

  1. Pingback: Das Kaloriendefizit fürs Abnehmen - Alexander Wunsch

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Alexander Wunsch
Coach

Dieser Blog richtet sich an jeden, der Probleme mit dem Körpergewicht hat und/ oder sich im Dschungel der Gesundheitsinformationen nicht mehr auskennt.

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