Die heiligen Gräler des Abnehmens

Eine letzte Sache muss ich noch ansprechen, bevor wir uns endlich dem Thema Abnehmen widmen können und ich Dir verraten kann, was meiner Meinung nach, die Antwort auf die Frage – „Was muss ich essen, um abzunehmen“ – ist. Denn wie man aus einem Ausschnitt einer Folie meiner Präsentation zum  Erstgesprächs erkennen kann, ist die Definition des eigentlichen Problems der erste Schritt, um effizient abzunehmen.

Abbildung 1: Aufbau des Konzepts

Es handelt sich also, um meine Definition des Problems. Ich möchte jedoch nicht den Fehler begehen, zu behaupten, dass ich den heiligen Gral des Abnehmens gefunden habe. Meine Herangehensweise funktioniert zwar wirklich gut und alle meine Abnehmer(innen) sind davon überrascht, was ich als Problem definiere. Dennoch möchte ich nicht so arrogant sein, mein Konzept als den ultimativen Schlüssel zum Gewichtsverlust darzustellen. Das würde in der Vergangenheit schon zu häufig gemacht und ging oftmals auch leider auf Kosten der Gesundheit aller Beteiligten. Im Laufe der nächsten Beiträge werde ich dir trotzdem ausführlich erklären, wie ich zu meiner Meinung gekommen bin.

So viel vorab: Meine Definition des Problems unterscheidet sich sehr stark vor der (noch) gegenwärtigen Meinung. Bevor ich also eine weitere „Meinung“ zu den bestehenden hinzufüge, ist es bestimmt auch für dich interessant zu wissen, wie das denn sein kann, dass es gefühlt tausend verschiedene Meinungen über Ernährung und Abnehmen gibt.

Das soll vor allem dazu dienen, dich empfänglicher für neue Informationen zu machen und meine Ansichten neutraler und ohne negative Grundeinstellung auffassen zu können. Außerdem soll der Beitrag als Anregung dazu dienen, deine bisherige Meinungen kritisch zu hinterfragen.

1. Eindimensionale Betrachtung des Thema Abnehmens

Ein wesentliches Problem ist, dass Übergewicht meist nur eindimensional betrachtet wird. Statt der wirklichen Ursache des Übergewichts auf den Grund zu gehen, wird der Versuch unternommen, nur einen Parameter aus der Ernährung herauszufiltern und ihm die Schuld am Übergewicht zu geben. Manche erklären demnach den Faktor „überschüssige Kalorien“ zum Sündenbock, andere geben wiederum dem Zucker die Schuld. Was dabei jedoch nicht betrachtet wird, ist, dass Übergewicht, wie alle chronischen Krankheiten, multifaktorieller Natur ist.[1]

Ähnlich wie verschiedene Faktoren (Geschlecht, Rauchen, sportliche Aktivität) Herzkrankheiten begünstigen, sorgen auch verschiedene Verhaltensweisen und Essgewohnheiten zur Entstehung von Übergewicht. Daher ist es zu einfach gehalten und schlichtweg falsch, nur den Kalorien, Kohlenhydraten oder sonstigen Bestandteilen der Ernährung die Schuld zu geben. Sich auf diese Aspekte zu konzentrieren, ähnelt eher einer Symptombehandlung, als einer richtigen Heilung.

2.Keine Betrachtung als Langzeit- „Krankheit“

Dazu kommt, dass Übergewicht eine „Krankheit“ ist, die sich über mehrere Jahre entwickelt hat. Es handelt sich also um eine „Langzeiterkrankung“. Kaum ein Übergewichtiger hat sich innerhalb eines Jahres ungewollt zu seiner momentanen Körperkomposition entwickelt. Daher ist es auch fragwürdig, inwiefern Kurzzeitstudien, auf die sich so oft bezogen wird, überhaupt Aussagekraft für eine Langzeiterkrankung haben. Selbst, wenn diese einwandfrei und auf wissenschaftlicher Basis mit einer ausreichend großen Teilnehmerzahl durchgeführt wurden, kann es ratsam sein die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

Denn sich auf Kurzzeitstudien zu beziehen, wäre ungefähr so, als versuche man herauszufinden, wie sich Rost bildet und legt dafür ein Stück Eisen eine Woche in den Regen.[2] Die Ergebnisse lassen wohl kaum eine stichhaltige Aussage zur Rostentwicklung zu. Genauso verhält es sich demnach auch mit Ergebnissen aus Kurzzeitstudien zum Thema Gewichtsverlust. Die fehlende Aussagekraft bei einer Kurzzeitstudie zu Rost klingt für jeden plausibel. Genau dasselbe gilt aber auch bei Ergebnissen aus Kurzzeitstudien zum Thema Übergewicht und Abnehmen. Nur, dass dem keine Beachtung geschenkt wird. Stattdessen beruft man sich gerne genau auf diese Ergebnisse und bringt speziell beworbene Produkte unter die Massen.

3. Durchführungs- und Interpretationsfehler von Studien

Zudem werden Studien zum Teil schlecht durchgeführt, Korrelation mit Kausalität verwechselt, oder sogar Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragen. Wie problematisch das sein kann, Ergebnisse aus Tierversuchen für den Menschen zu übernehmen, zeigt die „Parabel der Kuh“ aus Jason Fungs Buch „The Obesity Code“:

„Zwei Kühe tauschten sich über die neuste Ernährungsstudie aus, die an Löwen durchgeführt wurde. Eine Kuh sagte dabei zur anderen: „Wusstest Du, dass wir die letzten 200 Jahre bezüglich Ernährung alles falsch gemacht haben? Die neueste Studie zeigt, dass es schlecht für uns ist, Gras zu fressen und Fleisch besser ist.“ Daher begannen die beiden Kühe, Fleisch zu essen. Kurze Zeit später wurden sie krank und starben. Ein Jahr später unterhielten sich zwei Löwen über die neuste Studie, die an Kühen unternommen wurde. Dabei sagte der eine Löwe zum anderen, dass die neuste Ernährungsstudie zeigt, dass dich Fleisch fressen umbringt und es besser ist, Gras zu fressen. Daraufhin begannen die beiden Löwen Gras zu fressen und sie starben.“

Die Parabel macht deutlich, dass höchste Sorgfalt geboten sein muss, wenn auf Basis einer Tierstudie Argumente für oder gegen eine bestimme Ernährungsform für den Menschen ins Feld geführt werden. Doch auch gut durchgeführte Langzeitstudien an Menschen können Fehler in sich beherbergen. Denn jeder Mensch ist verschieden. Was für den einen gilt, muss für den anderen noch lange nicht zutreffen.

4. Art der Verbreitung der Studienergebnisse

Tatsächlich ist es bei den meisten Studien auch nicht wichtig, wie wissenschaftlich und fehlerfrei sie durchgeführt wurden, sondern viel mehr, wie geschickt sie interpretiert und der breiten Masse zugänglich gemacht werden. Ein Paradebeispiel hierfür bietet die in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts durchgeführte Sieben-Länder Studie von Ancel Keys, durch die bis heute die Angst vor Fett und Cholesterin allgegenwärtig ist.

5. Interessenkonflikt der Forscher

Hierbei stellt sich die Frage, welchen Vorteil man denn als Wissenschaftler / „Experte“ hat, eine Studie zu publizieren, die offenbar fehlerhaft ist oder deren Ergebnisse bewusst in eine bestimmte Richtung hin interpretieren werden. Neben psychologischen Faktoren wie dem „Bestätigungsfehler“ und indirekter Korruption, sind die Gründe hierfür oftmals die Interessen der Geldgeber der Studien. Es liegt denke ich auf der Hand, wer an Studienergebnisse interessiert sein könnte, die beispielsweise „beweisen“, dass ein Frühstück die wichtigste Mahlzeit am Tag ist. So viel lässt sich vermuten, sicherlich kein Schuhverkäufer.

Der mögliche Einfluss auf Studienergebnisse durch einen Interessenkonflikt zwischen Forscher und Lebensmittelkonzern wird in einer Studie aus dem Jahr 2013 deutlich, in der untersucht wurde, ob die finanziellen Interessen der Sponsoren Einfluss auf die Studienergebnisse hatten.

Als Forschungsobjekt nahm man dabei 18 Studien, die untersuchten, ob ein Zusammenhang zwischen gezuckerten Getränken und Übergewicht besteht. Diese 18 Studienergebnisse teilte man in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe, bestehend aus sechs Studien, stand durch die Finanzierung durch Lebensmittelkonzerne in einem Interessenkonflikt. Die übrigen zwölf Studien waren frei von Interessenkonflikten. Wie man in der Abbildung 2 unschwer erkennen kann, fanden seltsamerweise nur 1 von 6 Studien (16,7%), die von der Lebensmittelindustrie gesponsert wurden, einen positiven Zusammenhang zwischen gezuckerten Getränken und Übergewicht. Positiver Zusammenhang heißt, gezuckerte Getränke stehen mit Übergewicht in Verbindung. Dagegen fanden 10 von 12 Studien (83,3%), die nicht von der Lebensmittelindustrie finanziert wurden, einen positiven Zusammenhang zwischen gezuckerten Getränken und Übergewicht. Zufall?

Abbildung 2: Zusammenhang zwischen gezuckerten Getränken und Übergewicht

An diesem Beispiel wird deutlich, wie gefährlich es sein kann, sich auf „wissenschaftlich“ belegte Studien zu berufen. Denn was man hier nicht vergessen darf, ist, dass die Ergebnisse aus Gruppe 1 genauso „wissenschaftlich“ bewiesen sind wie die aus Gruppe 2 und fleißig in Foren und Ernährungsbüchern verbreitet werden. Für uns bedeutet das, sobald jemand auf Studien verweist, die „wissenschaftlich“ etwas beweisen und die für Unternehmen von großen Wert sein könnten, sollte man zuerst in Erfahrung bringen, wer die Geldgeber der Studien sind, bevor man sich intensiver mit deren Durchführung, Größe oder Interpretation beschäftigt.

6. Einfluss von Autoritäten

Neben der zum Teil schlechten Studienlage sorgen zusätzlich die gegensätzlichen Aussagen und Stellungen namhafter Ärzte, Ernährungsberater und Personal Trainer für weitere Verwirrung. Das große Problem mit solchen „Autoritäten“ ist, dass wir als Menschen psychologisch anfällig dafür sind, uns von ihnen, ähnlich wie beispielsweise vom Hausarzt, überzeugen zu lassen. Dass deren Wissen über Ernährung meist veraltet ist und selbst damals nur rudimentärer Natur war, wird in den wenigsten Fällen hinterfragt.

Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass Mediziner vor allem dahingehend ausgebildet werden, Krankheiten mit den richtigen Medikamenten und Methoden zu behandeln und es nur einen Bruchteil ihrer Ausbildung ausmacht, sich mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen. Zudem kann man von keinem normalen Hausarzt verlangen, dass er sich fortlaufend auf dem neusten Stand der Ernährungswissenschaft hält und regelmäßig die neusten (hoffentlich sinnvollsten) Studien bewertet.

Daher möchte ich auch keineswegs irgendeinem Arzt vorwerfen, dass er einen schlechten Job macht. Denn selbst Ärzte, deren Fachgebiet die Ernährung ist, haben gegensätzliche Meinungen. Das zeigt das Beispiel von Dr. Dean Ornish und Dr. Robert Atkins. Ersterer ist beispielsweise davon überzeugt, dass Nahrungsfett schlecht ist, wohingegen Dr. Robert Atkins ein Befürworter von Nahrungsfett ist und gleichzeitig Kohlenhydrate als schlecht einstuft. Daher möchte ich hiermit nur ein Bewusstsein dafür schaffen, dass, nur, weil jemand einen weißen Kittel trägt, es noch lange nicht sein muss, dass dessen Tipps wirklich sinnvoll sind.

Schlussfolgerung: Ich kenne die „Wahrheit“ auch nicht

Also, wie gesagt, ich behaupte nicht, dass ich den heiligen Gral der Ernährung gefunden habe. Ich weiß nur, dass das, was ich als „Wahrheit“ definiere in der Praxis bei meinen Abnehmer(innen) funktioniert. Daher verfolge ich auch den Ansatz, immer alles zu hinterfragen, was Studien herausgefunden haben sollen. Sobald jemand absolute Aussagen zum Thema Ernährung trifft, bin ich sehr sehr kritisch. Der menschliche Körper ist derart komplex, dass ich der Überzeugung bin, dass jeder, der behauptet die „Wahrheit“ zu kennen entweder ein Heuchler, oder ein Ignorant ist.

Genau deswegen habe ich die Erkenntnisse aus zahlreichen Büchern der verschiedenen Ernährungslagern zusammengeführt und ein eigenes Konzept entwickelt. Oberstes Ziel dabei war dabei immer, dass es möglichst leicht im Alltag umgesetzt werden kann und die Lebensqualität erhöht. Denn was bringt die gesündeste und beste Ernährung, wenn man sie nicht umsetzen kann?

Verabschiedung alter Glaubenssätze

Ich werde in den folgenden Beiträgen viele Glaubenssätze zum Thema gesunde Ernährung und Abnehmen ins Wanken bringen. Es war für mich nicht leicht und wird auch nicht für dich leicht sein, die über Jahre hinweg für wahr geglaubten Glaubenssätze über den Haufen zu werfen.

Denn selbst, wenn der Beweis dafür eindeutig widerlegt ist, neigt unser Gehirn dazu, dennoch an dem Glauben festzuhalten.[3] Daher lohnt es sich, sich immer wieder das Zitat von Mark Twain ins Gedächtnis zu rufen:

„Es ist leichter, Leute zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht wurden.“

Neue Einstellung: „oîda ouk eidōs“

Bisher hinterlasse ich hier ein ziemlich schlechtes Bild von „Wissenschaft“ und Studien. Das ist zum Teil auch so gewollt. Zum anderen Teil möchte ich aber auch noch einmal betonen, dass es auch sehr gute Studien gibt, auf die ich mich auch gerne beziehe. Oberstes Kriterium dabei ist jedoch, dass die Studie Sachverhalte erklärt, die in der Bevölkerung auch so ersichtlich sind. Außerdem sollten sie Antworten auf Fragen liefern, die sich viele während der vergangenen Abnehmenversuche verzweifelt gestellt haben.

Dabei wird sich stets an den Worten Sokrates orientiert: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Was ich jedoch weiß, ist, dass mein Konzept in der Praxis funktioniert und sich der gesundheitliche Zustand der Betroffenen verbessert. Nichts desto trotz möchte ich dich dazu animieren, aufzuhören blind Studien zu vertrauen, ohne das eigene kritische Denken einzuschalten. Es sollte vielmehr jeder für sich selbst herausfinden, welche Studienergebnisse es wert sind am eigenen Körper getestet zu werden, um daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Denn gesunde Ernährung muss von innen nach außen entstehen.

Deshalb kann auch jeder Ratschlag, sei er auch noch so plausibel, eventuell für Dich persönlich nicht wirken. Du musst es selbst erfahren. Es empfiehlt sich einen Mittelweg zu suchen, der zwischen der Ignoranz der Studien und der eigenen Meinung entlang führt. Denn alle Studienergebnisse links liegen zu lassen, ist keine clevere Idee. Es wäre unklug, all die wissenschaftlichen Fortschritte und Erkenntnisse zu ignorieren. Es macht jedoch Sinn, sich beim Thema Ernährung mit gesundem Menschenverstand an der Natur und der Vergangenheit zu orientieren.

Schließlich sehen wir heute, in einer modernisierten Welt, mehr Probleme mit dem Körpergewicht als noch vor wenigen Jahrzehnten, obwohl diesbezüglich jährlich tausende neue Studien veröffentlicht werden.

Die Hauptursache des Übergewichts

Ich hoffe ich habe es geschafft, dich mit diesem Beitrag zum Thema Studien zu sensibilisieren. Versprochen, jetzt brauchen wir keine Vorarbeit mehr, damit ich dir endlich die ersten Tipps geben kann, um effizienter denn je abzunehmen. Denn im nächsten Beitrag wird es darum gehen, was die eigentliche Hauptursache für Übergewicht ist. So viel vor ab, es sind weder Kohlenhydrate, noch Fett, noch Kalorien. Es ist ein ganz anderer Sündenbock. Bis nächste Woche! 🙂

Quellen

[1] Vgl. Fung, 2016. S. 4 (Link zum Buch: The Obesity Code- Jason Fung)

[2] Vgl Fung, 2016 S.4

[3]Vgl. Levitin, Daniel, S.151 (Link zum Buch: The Organized Mind- Daniel Levitin)

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1 Kommentar zu „Die heiligen Gräler des Abnehmens“

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Alexander Wunsch
Coach

Dieser Blog richtet sich an jeden, der Probleme mit dem Körpergewicht hat und/ oder sich im Dschungel der Gesundheitsinformationen nicht mehr auskennt.

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