„Einschlafender“ Stoffwechsel durch Diäten

Im letzten Beitrag habe ich dir erklärt, wie es sich mit dem Kaloriendefizit bei kalorienreduzierten Diäten verhält. Wir haben gesehen, dass sich der Kalorienverbrauch der Kalorienaufnahme anpasst. Konkret stellten wir fest, dass wir durch Diäten weniger essen können und trotzdem nichts abnehmen, weil der Körper weniger Energie verbraucht. Oft wird hier ein „einschlafender“ Stoffwechsel als Grund genannt.

Übergewicht durch einschlafenden Stoffwechsel?

Wahrscheinlich bist du immer noch sehr skeptisch, was das angeht. Vermutlich fragst Du dich auch, wie man denn abnehmen kann, wenn sich der Körper dementsprechend anpasst. Sind Übergewichtige dazu bestimmt übergewichtig zu bleiben? Die Antwort darauf ist ein klares nein. Doch dafür müssen wir uns endlich von zeitlich begrenzten Diäten verabschieden. Mit zeitlichen begrenzten Diäten sind Übergewichtige zum dick sein verdonnert. Da bin ich mir sicher. Das ist die Methode, die wir seit Jahren anwenden und die offensichtlich nicht funktioniert. Irgendwo wissen wir das glaube ich alle, dass eine Kalorienkontrolle nicht der Schlüssel zum Erfolg ist.

Einschlafender Stoffwechsel als Schicksal?

Es ist absolut nachvollziehbar, wenn Du nun einen gewissen Unmut über deinen eigenen Köper verspürst. Warum lässt er dich nicht einfach abnehmen, wenn Du deine Kalorien reduzierst? Es wäre so einfach. Unmut ist zwar hier nachvollziehbar, aber eigentlich nicht angebracht. Du würdest dich auch nicht anders verhalten. Oder würdest du die nächsten Wochen und Monate genauso viel Geld ausgeben, wenn Du ab morgen weniger verdienen würdest? Ich denke nicht.

So ist es auch bei unserem Körpergewicht. Eigentlich will unser Körper uns nur helfen und unser Überleben sichern. Das Problem ist nur, dass der einschlafende Stoffwechsel eine Überlebensstrategie ist, die nicht mehr ganz so gut zur heutigen Welt, in der es Nahrung im Überfluss gibt, passt. Also das einzige, was Du ihm vorwerfen kannst, ist, dass er ein bisschen dümmlich und zurückgeblieben ist. Auf jeden Fall lohnt es sich keine negative Haltung gegen den eigenen Körper anzunehmen. Er ist zwar ein bisschen dämlich, aber dafür auch extrem stur. Der einschlafende Stoffwechsel ist nur eine der Geschütze, die er aus seinem altertümlichen Repertoire ziehen kann. Wir sollten also mit unserem Körper abnehmen, nicht gegen ihn.

Studie: Einschlafender Stoffwechsel

Eine der bekanntesten Studien die zeigen, dass sich der Ruheumsatz der Kalorienaufnahme anpasst ist das „Minnesota Starvation Experiment“, das in den Jahren 1944 und 1945 von Ancel Keys an 36 jungen gesunden Männern mit einem Durchschnittsgewicht von 69,3kg durchgeführt wurde. Während die Teilnehmer die ersten drei Monate eine Standardernährung mit 3200kcal pro Tag bekamen, wurde über die nächsten Monate sukzessiv die Kalorien gesenkt, um einen Gesamtgewichtsverlust von 24% des Ausgangswertes zu erreichen, was im Schnitt 1,1 Kilogramm pro Woche entspricht. Obwohl die Männer pro Woche 35km gelaufen sind, musste die Kalorienzufuhr bei einigen auf bis zu 1000kcal (von 3200kcal!) gesenkt werden, um den Gewichtsverlust aufrecht zu erhalten. Als Ergebnis der Studie konnte man festhalten, dass neben tiefgreifenden physiologischen und psychologischen Einschränkungen, der Ruhestoffwechsel um bis zu 40% gesenkt wurde. Erklären lässt sich das durch ein Absinken des Herzschlages und des Herzschlagvolumens, ein Absenken der Körpertemperatur, verminderter Ausdauerleistung, gesenktem Blutdruck und zudem ein verringertes Energielevel, was sich bei den Männern an vermehrter Müdigkeit bemerkbar machte. [1]

Interessant und für uns logisch ist darüber hinaus, dass der Gewichtsverlust der Männer im Durchschnitt bei 16,8kg lag und nicht bei 35,3kg, wie es nach dem „Kaloriendefizit“ zu erwarten wäre.

Hormone als Hauptverantwortliche

Bei all den Anpassungserscheinungen wird der Körper wieder einmal von den Hormonen in erster Instanz und nicht von den Kalorien gesteuert. Bei dem Experiment handelt es sich um einen Extremfall. Aber auch bei „normalen“ kalorienreduzierten Diäten sind hormonelle Veränderungen zu beobachten, die das Ziel verfolgen das verlorengegangene Gewicht wiederzuerlangen.

Am meisten macht sich das in der Steigerung des Hungergefühls bemerkbar. Die sich in einer Diät befindenden Person hat nicht nur in ihrer Einbildung mehr Hunger. Nein, tatsächlich steigen messbar die Spiegel des Hungerhormons Grehlin. Gleichzeitig sinken die Sättigungshormone Peptid YY, Amylin und Cholescystokinin.[2]

Das bedeutet, man hat nicht nur in seiner Einbildung mehr Hunger, sondern der Körper signalisiert mithilfe der Hormone tatsächlich ein größeres Hungergefühl, das uns dazu drängen wird, wieder mehr zu essen.

Besessen von Essen

Neben dem einschlafenden Stoffwechsel ist die Regulierung der Hungergefühle also eine weitere Waffe aus dem Repertoire unseres dümmlichen Körpers. Wie mächtig sie ist, lassen Erfahrungsberichte von Teilnehmern des Minnesota Starvation Experiments erahnen. Jene berichteten davon, dass sie regelrecht besessen von Essen waren. Sie konnten sich nicht konzentrieren, das einzige worum ihre Gedanken kreisten war Essen. Sie träumten sogar davon. Jegliches Interesse abseits von Essen ging verloren. Hört sich mies an? Ist es auch. Haben Diätende ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich weiß es nicht. Ich jedenfalls dachte ständig an Essen. In extremen Fällen bestand mein ganzer Tag darauf, Zeit zu überbrücken, um endlich wieder neue Kalorien aufzunehmen. Ich freute mich, dass die elendige Woche endlich vergeht, damit ich am „Cheatday“ mich vollends der Völlerei hingeben konnte.

Leider lässt sich das auch bei Gehrinscans feststellen. Bereiche im präfrontalen Kortex, die für Zurückhaltung und dem Widerstehen von Essen verantwortlich sind, zeigen verminderte Aktivität. Das bedeutet es ist für Menschen, die an Gewicht verloren haben, schwerer Essen zu widerstehen.[3]

Verabschiedung von Diäten

Dass du also während Diäten ständig an Essen denkst, hat nichts damit zu tun, dass du einen psychischen Knacks hast, wie es sich viele vorwerfen. Auch ist es nicht das Fehlen von Willenskraft, das dich dazu bringt wieder mehr zu essen. Es sind schlicht und ergreifende deine Hormone, die von unserem ängstlichen primitiven Freund gesteuert werden. Damit sollten wir uns abfinden. Wir sollten uns endlich ein für alle mal von Diäten verabschieden. Du kannst es natürlich noch gerne weiterversuchen. Aber ich bin davon überzeugt, dass uns Diäten nichts anderes als Hunger und Abgeschlagenheit bescheren.

Da sich das Jahr dem ende neigt, möchte ich dich hiermit auch an dich appellieren, dir bitte nicht vorzunehmen mit Diät X oder Programm Y dein Gewicht zu reduzieren. Wie wir jetzt wissen und wie du insgeheim auch selbst wusstest, wird das nicht viel bringen außer einen Verlust an Lebensqualität.

Also dann schonmal einen guten Rutsch und ein diätfreies Jahr 2021!

 

 

 

 

 

[1] Keys A, Brozek J, Henschel A, Mickelsen O, Taylor HL; 1950

[2] Vgl. Fung, 2016 S.44, Link zum Buch: hier

[3] Rosenbaum M, Sy M, Pavlovich K, Leibel R, Hirsch J, 2008, Link zur Studie: hier

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1 Kommentar zu „„Einschlafender“ Stoffwechsel durch Diäten“

  1. Pingback: Sport zum Abnehmen?! - Alexander Wunsch

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Alexander Wunsch
Coach

Dieser Blog richtet sich an jeden, der Probleme mit dem Körpergewicht hat und/ oder sich im Dschungel der Gesundheitsinformationen nicht mehr auskennt.

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